Organspende - Trotz Spenderniere Mutter geworden PDF Drucken E-Mail
Eineinhalb Jahre nach einer Nierentransplantation wird eine 36-Jährige schwanger - und bringt trotz ständiger Medikamenteneinnahme ein gesundes Kind zur Welt. Ihre Geschichte soll Vorbild sein: Die Kölner Kliniken hoffen auf mehr Organspender.

Köln - Die leichte Gewichtszunahme, die Renate Iseni auf Stress und zu viel Schokolade zurückgeführt hatte, hatte einen ganz anderen, sehr lebendigen Grund: Max war unterwegs. Mit einer Schwangerschaft hatte Renate Iseni überhaupt nicht gerechnet. Sie hatte nach vielen anstrengenden Jahren als Dialysepatientin gerade anderthalb Jahre zuvor endlich eine Nierentransplantation bekommen. Jetzt befand sie sich noch in der Phase, da sich der Körper an das Spenderorgan gewöhnen muss - mit erheblicher Medikamentenzufuhr.

Dass sie im fünften Monat schwanger war, teilte ihr ihre Frauenärztin bei einer Routineuntersuchung mit. Sie war schlicht schockiert und hatte große Sorge, durch die Medikamente, die sie nehmen musste, Leben und normale Entwicklung des ungeborenen Babys zu gefährden. Das wollten die damals 36-Jährige und ihr Partner Ralf Schlüssler auf keinen Fall.

Wie sie mit großer Unterstützung durch Kölner Kliniken und Arztpraxen den kurzen Rest der Schwangerschaft erlebt hat, berichtete die Mutter jetzt bei einem Ärztesymposium zum Thema Transplantation. Sie schilderte ihre beträchtlichen Ängste, den Untersuchungsmarathon und schließlich die innerhalb kurzer Zeit getroffene Entscheidung für das Kind, das gesund zur Welt kam und jetzt fast fünf Jahre alt ist. „Ich will anderen Frauen Mut machen zur Entscheidung für ein Kind“, sagt die Patientin. Ihrer Spenderniere und ihren Blutwerten hat die Schwangerschaft nicht geschadet.

Mit positiven Patientengeschichten wie der von Renate Iseni, die als Dialysepatientin nur eine verschwindend geringe Chance auf Mutterschaft gehabt hätte, wirbt das Transplantationszentrum der Uniklinik Köln um Aufmerksamkeit - und natürlich um Spender, die bereit sind, nach dem eigenen Tod einen Beitrag zum Überleben und zur Lebensqualität schwer kranker Menschen zu leisten.

Bei einem Ärztekongress im Uniklinikum hat Renate Iseni, die seit ihrem 14. Lebensjahr nierenkrank war und nach dem Fortschreiten der Krankheit sieben Jahre auf eine Spenderniere warten musste, von ihrer Familienplanung berichtet. „Wir müssen Transplantationspatientinnen nicht grundsätzlich von einer Schwangerschaft abraten“, sagt Nephrologe Sven Teschner, Oberarzt an der Klinik IV im Uniklinikum. Nierenkranke, die wöchentlich dreimal zur Dialyse müssten, hätten weit geringere Chancen zur Mutterschaft. „Das ganze Leben wird viel leichter“, sagt Renate Iseni, die nach der Transplantation voller Elan die neue Freiheit nutzte und - abgesehen von der Mutterschaft - eine Umschulung begann.

„Wir würden solche Möglichkeiten gern sehr viel mehr Menschen eröffnen“, sagt Teschner. Doch ist die Zahl der Organspender sehr viel geringer als der Bedarf. 8500 Menschen auf der Warteliste stehen bundesweit nur 2000 bis 2500 Transplantationen jährlich gegenüber. „In Köln sind die Transplantationszahlen im Vergleich recht hoch“, sagt der Arzt, „doch könnten wir weit mehr als jährlich 150 Nierentransplantationen - inklusive der Lebendspenden - und je fünf bis zehn Herz- oder Lebertransplantationen leisten“.

Wie Herzpatienten vorübergehend mit einem künstlichen Organ geholfen werden kann, wenn sie auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, berichtete Prof. Thorsten Wittwer. Ein Kunstherz könne aber nur eine Hilfe auf Zeit sein. „Uns ist es wichtig, ein positives Bewusstsein für die Organspende zu wecken“, sagt Teschner. Das gelte für die Bevölkerung ebenso wie für Medizinerkollegen, die bei der Behandlung Sterbender „irgendwann umschalten müssen von ihrem Wunsch zu heilen hin zu der Frage, ob hier eine Organspende denkbar ist“.

In Köln funktioniere diese interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Transplantationszentrum sehr gut. Die Mediziner seien erfahren darin, beispielsweise nach dem Hirntod eines Patienten behutsame Gespräche mit den Angehörigen zu führen, die mit einer Organspende einverstanden sein sollten. Denn in Deutschland kann nur Spender sein, wer sich dazu bereit erklärt hat und dessen Angehörige diesen Wunsch möglichst bestätigen. Teschner wünscht sich daher, dass viele Menschen schon in gesunden Tagen nicht nur einen Organspenderausweis ausfüllen, sondern auch mit ihren Angehörigen über diesen Wunsch sprechen.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre habe gezeigt, dass keineswegs nur „der tödlich verunglückte junge Motorradfahrer“ als Organspender gebraucht werde, so der Mediziner. Vielmehr kämen durchaus Organe nicht völlig gesunder Menschen in Betracht. Auch ein schon älteres Herz oder eine Niere könnten, wenn alles passt, dem transplantierten Patienten „große Lebensqualität“ schenken.

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Quelle: Beatrix Lampe, 14.03.10, Kölner Stadtanzeiger
http://www.ksta.de/html/artikel/1264185947415.shtml