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Seit der Etablierung einer effektiven und relativ nebenwirkungsarmen Immunsuppression in den letzten beiden Jahrzehnten stellt die akute Abstoßung kein wesentliches Problem mehr dar. Im Langzeitverlauf ist die chronische Abstoßung, welche sich als Graft-Vaskulopathie manifestiert, der limitierende Faktor. Eine relevante Nebenwirkung der Immunsuppression im Langzeitverlauf ist das erhöhte Malignomrisiko, wobei Malignome im 10-Jahres-Verlauf lediglich für 19% der Mortalität verantwortlich sind.[2]
Die häufigste Ursache einer terminalen HI ist die dilatative nicht ischämische Kardiomyopathie (DCMP), gefolgt von der ischämischen Kardiomyopathie (ICMP), wobei in den letzten Jahren der Anteil der ICMP sowohl in Europa als auch in Nordamerika gesunken ist.[3] Meist wird die Indikation für die Listung zur HTX bei Patienten gestellt, welche trotz optimaler konservativer Therapie typische Zeichen der schweren HI zeigen (NYHA III–IV, Hyponatriämie, hohe Brain-Natriuretic-Peptide-Spiegel, reduzierte Sauerstoffaufnahmekapazität). Es dürfen keine Kontraindikationen zur HTX bestehen (im Wesentlichen Malignome, chronische Infektionen, zu weit fortgeschrittenes Alter in Verbindung mit dem Allgemeinzustand, generalisierte Gefäßsklerose), auch muss die Möglichkeit eines palliativen herzchirurgischen Eingriffs (Hochrisiko-Bypassoperation, Mitralklappenrekonstruktion, ventrikuläre Aneurysmektomie) zur Verbesserung der HI evaluiert werden.
Bei der Indikationsstellung und der Selektion potenzieller Empfänger müssen neben der grundsätzlichen Notwendigkeit zwei weitere Umstände berücksichtigt werden: Einerseits ist die Verfügbarkeit von geeigneten Spenderorganen limitiert, die Transplantationszahlen stagnieren oder sind in manchen Zentren sogar rückläufig. Dieser Umstand bedeutet eine längere Wartezeit, was für das Timing der Listung wichtig ist und eine enge Zusammenarbeit zwischen den betreuenden Herzinsuffizienzkardiologen und der Herzchirurgie erfordert.
Zweitens ist der Gesamtzustand des Organempfängers zum Zeitpunkt der Transplantation signifikant mit dem Ergebnis assoziiert. Der „ideale“ Transplantationskandidat hat ein hohes kardiales Risiko bei gleichzeitig minimaler Komorbidität. Das Ausmaß der Komorbidität resultiert meist aus der Dauer der manifesten HI. Somit besteht zwischen der Sicht der Kardiologie (möglichst lange konservative Therapie, HTX als Ultima Ratio) und der chirurgischen Sicht (frühzeitige Listung und Transplantation) eine Diskrepanz. Allerdings zeigen die Erfahrungen, dass sowohl die Einjahresmortalität als auch das Langzeitüberleben wesentlich von Empfänger-assoziierten Risikofaktoren beeinflusst werden. Alter, Beatmungspflichtigkeit vor der HTX, der Einsatz von Inotropika knapp vor der HTX, behandlungsbedürftige Infektionen zeitnah zur HTX, Dialysepflichtigkeit, erhöhte Kreatininwerte (2mg/dl – 1,5-fach erhöhtes Mortalitätsrisiko), erhöhte Bilirubinwerte (2mg/dl – 1,25-fach erhöhtes Mortalitätsrisiko) und mechanische Kreislaufunterstützung sind unabhängige Risikofaktoren für die Einjahresmortalität.[3] Vor allem das Vorliegen von mehreren Risikofaktoren resultiert in deutlich schlechteren Ergebnissen. Sobald mehr als einer der Empfänger-assoziierten Faktoren Nierenversagen, Retransplantation oder Reoperation, pulmonale Hypertension (>4 Wood-Einheiten), Intubation prä HTX und Intensivpflichtigkeit prä HTX vorliegen, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um 20%. Dieser negative Effekt tritt bereits in der Frühphase nach HTX auf und wird auch im Langzeitverlauf nicht mehr ausgeglichen.[4]
In der Realität besteht allerdings allgemein der Trend zu immer älteren Organempfängern und Empfängern mit einer komplexen Patientengeschichte. So wurde an der Herzchirurgie Wien in der letzten Dekade ein eindeutiger Anstieg des Empfängeralters beobachtet, insbesondere der Anteil von über 65-Jährigen ist von wenigen Patienten auf fast 20% angestiegen, während sich der Anteil von unter 50-jährigen Empfängern fast halbierte. Auch der Prozentsatz an Reoperationen, Patienten mit Diabetes mellitus und der Einsatz mechanischer Kreislaufunterstützung als Überbrückung zur HTX sind signifikant angestiegen. Die Herzleistung zum Zeitpunkt der HTX ist im Vergleich zu früheren Jahren noch weiter reduziert, bei gleichzeitig höheren Pulmonalisdrücken, obwohl annähernd alle Patienten eine optimierte HI-Therapie mit ACE-Hemmern und Betablockern erhalten.
Angesichts dieser Entwicklung hin zu immer späterer Indikationsstellung ist in Zusammenhang mit der geringeren Zahl verfügbarer Organe eine deutliche Verschlechterung der Transplantationsergebnisse zu erwarten. Auch ist zu befürchten, dass etliche potenzielle Empfänger aufgrund des schon schlechten Allgemeinzustandes die längere Wartezeit nicht überleben. Somit besteht die dringende Notwendigkeit, Patienten, denen eine HTX angeboten werden kann, frühzeitig zu evaluieren und für die HTX zu listen.
Im Fall einer akuten oder nicht mehr tolerablen chronischen Verschlechterung während der Wartezeit besteht die Möglichkeit einer mechanischen Kreislaufunterstützung. Bisher wurde dieses Konzept fast ausschließlich als Überbrückung bis zur Transplantation eingesetzt, die Ergebnisse waren akzeptabel, wenn auch in keiner Weise mit jenen der HTX zu vergleichen.[5] Allerdings sind aktuell nicht pulsatile, relativ kleine und damit implantierbare Unterstützungssysteme verfügbar, die neben exzellenten Überlebensraten auch eine gute Lebensqualität für die Patienten bieten.[6] Von diesen Systemen erwartet man sich auch eine langfristige und zuverlässige Funktion, von manchen Herstellern wird eine zumindest zehnjährige Haltbarkeit in Aussicht gestellt. Damit besteht erstmals eine attraktive Alternative zur HTX, es wird in naher Zukunft sogar aus ethischer Sicht zu diskutieren sein, ob ein mit Unterstützungssystem stabiler Patient mit guter Lebensqualität überhaupt transplantiert werden soll.
Zusammenfassung
Aufgrund der schlechteren Ergebnisse bei multimorbiden Herzempfängern und des gleichzeitig deutlich reduzierten Angebots an verfügbaren Organen muss eine Listung zur Transplantation in vielen Fällen früher als bisher erfolgen. Dies erfordert ein Umdenken bei den behandelnden Kardiologen und einen engen Kontakt zu den Transplantationszentren. Die verfügbaren Organe liefern bei „guten“ Transplantationskandidaten exzellente Ergebnisse, die mit keiner anderen Therapie, vor allem nicht mit konservativer, vergleichbar sind.
Bei einer Verschlechterung der kardialen Funktion sollte die Indikation zur mechanischen Kreislaufunterstützung gestellt werden, eine deletäre Verschlechterung des Allgemeinzustandes kann damit oftmals verhindert werden. Auch hier gilt es, den Schritt zur chirurgischen Intervention rasch zu setzen, da die Ergebnisse der mechanischen Kreislaufunterstützung ebenfalls wesentlich vom Zustand der Patienten abhängen. Die Ergebnisse sind insgesamt so gut, dass die mechanische Kreislaufunterstützung in zunehmendem Maß durchaus als Alternative zur HTX angesehen werden kann.
Referenzen:
[1] Stewart S, MacIntyre K, Hole DJ, Capewell S, McMurray JJ: More “malignant” than cancer? Five-year survival following a first admission for heart failure. Eur J Heart Fail 2001; 3:315-22
[2] Stehlik J, Edwards LB, Kucheryavaya AY, Aurora P, Christie JD, Kirk R, Dobbels F, Rahmel AO, Hertz MI: The Registry of the International Society for Heart and Lung Transplantation: twenty-seventh official adult heart transplant report, 2010. J Heart Lung Transplant 2010; 29: 1089-103
[3] www.ishlt.org
[4] Zuckermann AO, Ofner P, Holzinger C, Grimm M, Mallinger R, Laufer G, Wolner E: Pre- and early postoperative risk factors for death after cardiac transplantation: a single center analysis. Transpl Int 2000; 13: 28-34
[5] Hoefer D, Ruttmann E, Poelzl G, Kilo J, Hoermann C, Margreiter R, Laufer G, Antretter H: Outcome evaluation of the bridge-to-bridge concept in patients with cardiogenic shock. Ann Thorac Surg 2006 Jul; 82(1): 28-33
[6] Starling RC, Naka Y, Boyle AJ, Gonzalez-Stawinski G, John R, Jorde U, Russell SD, Conte JV, Aaronson KD, McGee EC Jr, Cotts WG, DeNofrio D, Pham DT, Farrar DJ, Pagani FD: Results of the post-U.S. Food and Drug Administration-approval study with a continuous flow left ventricular assist device as a bridge to heart transplantation: a prospective study using the INTERMACS (Interagency Registry for Mechanically Assisted Circulatory Support). Am Coll Cardiol 2011; 57: 1890-8
Autoren:
Daniel Höfer1, Julia Dumfarth1,
Matthias Frick2, Michael Grimm1,
Gerhard Pölzl2, Herwig Antretter1
1 Universitätsklinik für Herzchirurgie, Medizinische Universität Innsbruck
2 Universitätsklinik für Kardiologie, Medizinische Universität Innsbruck
Korrespondenz:
Dr. Daniel Höfer
Universitätsklinik für Herzchirurgie,
Medizinische Universität Innsbruck
Anichstraße 35, 6020 Innsbruck
Tel.: +43/512/504-807 80
Fax: +43/512/504-225 28
E-Mail: daniel.hoefer@uki.at
Quelle: http://kardiologie-gefaessmedizin.universimed.com/artikel/indikationsstellung-f%C3%BCr-die-herztransplantation-ein-paradigmenwe // 2012-01-12
Die Zahl der Organspender ist gesunken – aber nicht so dramatisch, wie vermutet.
Der Rückgang der Organspender-Zahlen ist 2011 weniger dramatisch ausgefallen, als es die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) noch in der ersten Hälfte des Jahres befürchten musste. Lag die Zahl der Organspender 2010 noch bei insgesamt 1296 Organspendern, so brach sie bis Mitte 2011 um fast zwölf Prozent ein. Bis Ende Dezember verzeichnete die DSO dann wieder einen Zuwachs. Am Mittwoch konnte sie für 2011 insgesamt 1200 Organspender vermelden, ein minus von 7,4 Prozent. Auch die Zahl der gespendeten Organe sank - von 4205 auf 3917. Konnte 2010 noch 4326 Menschen mit einer Organtransplantation aus dem Eurotransplant-Verbund geholfen werden, so waren es 2011 mit 4054 fast 300 weniger. Die Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden ist für die Zuteilung von Spenderorganen in sieben Ländern mit etwa 125Millionen Einwohnern verantwortlich: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien.
Im regionalen Vergleich gingen die Organspender-Zahlen in fast ganz Deutschland zurück. Einzig in der Region Ost (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) stiegen sie von 155 auf 166. In der Region Bayern blieb die Zahl fast konstant (189 statt 192). In den restlichen fünf DSO-Großregionen gab es teils massive Einbrüche: in der Region Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) von 213 auf 193, Region Nord-Ost (Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) von 144 auf 129, Region Baden-Württemberg von 134 auf 115, Region Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) von 202 auf 165 und Region Nordrhein-Westfalen von 256 auf 243.
Nachdem es gelungen war, die Zahl der Organspender in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts um mehr als 25 Prozent zu steigern (von rund 1000 auf gut 1300), brach die Zahl 2008 wieder massiv ein (auf 1198). Bereits 2007 war es zu einer Diskussion wegen einer Erweiterung des Transplantationsgesetzes gekommen. Damals wurde eine EU-Richtlinie im Zusammenhang mit der Qualität und Sicherheit von menschlichen Geweben und Zellen umgesetzt. Nach 2008 stiegen die Spenderzahlen wieder auf fast 1300 im Jahr 2010. Seit Herbst 2010 wurde dann wieder und immer heftiger über eine abermalige Änderung des Gesetzes diskutiert. Dieses Mal ging es um die „Entscheidungslösung“, auf die sich am Ende des Jahres die Fraktionen des Deutschen Bundestags geeinigt haben. Demnach soll sich jeder Bürger mindestens einmal in seinem Leben mit dem Thema Organspende befassen - er kann sich zu ihr bereit erklären, sie ablehnen oder seine Entscheidung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Dokumentiert werden soll sein Entschluss auf der neuen elektronischen Gesundheitskarte. Vor 2016/2017 rechnet die DSO allerdings nicht mit einer Umsetzung des von ihr sehr begrüßten Vorschlags.
„Die Rechtsdiskussionen der vergangenen Jahre haben jeweils für Verunsicherungen gesorgt“, glaubt Kirste. Und zwar nicht in erster Linie in der Bevölkerung, sondern bei Ärzten und Krankenhäusern. „Die Kliniken haben offenbar das Gefühl, sich auf rechtlich schwammigem Boden zu bewegen.“ Was dazu führt, dass sie ihrer gesetzlichen Pflicht, mögliche Organspender zu melden, nicht nachkommen. Kirste berichtet von Unikliniken, die jedes Jahr 20Organspender melden - andere Häuser, die gleich groß seien, kämen nur auf zwei. Er nennt als Beispiel die DSO-Großregion Baden-Württemberg: Drei Unikliniken (Mannheim, Freiburg und Heidelberg) arbeiteten gut mit der DSO zusammen, zwei andere weniger gut.
Auch auf Länderebene läge noch vieles im Argen. So haben nur sieben Bundesländer Transplantationsbeauftragte an Krankenhäusern eingeführt (Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein), in Nordrhein-Westfalen sind sie fest vorgesehen. Eine Kontrolle ihrer Arbeit fehle aber bislang. Um die Arbeit dieser Koordinatoren besser einschätzen zu können, hat die DSO gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium und der Deutschen Krankenhausgesellschaft ein freiwilliges Projekt in den größten Kliniken der Republik angestoßen: 112 der 156 Unikliniken und Krankenhäuser mit einer neurochirurgischen Intensivstation beteiligten sich (insgesamt gibt es rund 1400 Krankenhäuser in Deutschland, 80 bis 85 Prozent aller Organspender entfallen allerdings auf die 156 größten). Zwischen dem 1.April 2010 und dem 31.März 2011 wurde quartalsweise ausgewertet, wie viele Patienten mit einer Hirnschädigung (primär oder sekundär) verstorben waren. Insgesamt waren das rund 11000 Patienten. Knapp ein Drittel war ohne Beatmung gestorben, eine Organentnahme war nicht möglich. Wie viele der Verstorbenen letztlich als mögliche Spender in Frage gekommen wären, ist laut Kirste Spekulation.
Allerdings glaubt der DSO-Vorstand, dass bei zu vielen Schwerverletzten zu schnell eine Therapie auf vermeintlichen Wunsch des Patienten erst gar nicht mehr eingeleitet wird. „Patientenverfügungen richten sich eigentlich an chronisch Schwerstkranke.“ Inzwischen kämen aber oft Schwerverletzte nach einem akuten Unfall ins Krankenhaus, die zwar mittels Verfügung eine Therapie ausgeschlossen hätten, aber womöglich sogar gerettet werden könnten. Zugleich sei in den Patientenverfügungen eine Organspende-Bereitschaft nicht verzeichnet, organprotektive Maßnahmen würden nicht eingeleitet. In Spanien, dem Land mit den meisten Organspendern auf der Welt (34,4 auf eine Million Einwohner), würde in jedem Fall zunächst eine Therapie eingeleitet.
Das Projekt „Inhouse-Koordination“ wurde inzwischen verlängert. Kirste und sein Kollege, der kaufmännische DSO-Vorstand Thomas Beck, sind sich sicher, dass es ein Erfolg ist. Allein der Daten-Rücklauf der teilnehmenden Krankenhäuser sei mit 90 Prozent beeindruckend. Die Zusammenarbeit mit vielen Kliniken habe sich klar verbessert, die Bereitschaft, etwas im Haus zu verändern, sei groß, so Beck. Ob sich auch die Zahl der Organspender bald wieder erhöht, bleibe abzuwarten. „Wir haben allerdings mehr als 400 Verbesserungsvorschläge von den Krankenhäusern bekommen.“ Diese wolle man nun gemeinsam angehen und abarbeiten.
Quelle: F.A.Z. / Von Peter-Philipp Schmitt / 2011-10-12
„Es gibt keine typischen Symptome für akutes Nierenversagen“, sagt Prof. Kai Schmidt-Ott. „Trotzdem ist es für den Arzt sehr wichtig, schon sehr früh festzustellen, ob ein Patient eine akute Nierenschädigung hat“, betont der Nierenspezialist von der Charité, der am MDC eine Forschungsgruppe leitet. Denn im Anfangsstadium ist es häufig noch möglich, die Erkrankung aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Bei fortgeschrittener Schädigung ist eine Dialyse-Behandlung (Blutwäsche) erforderlich. Viele Patienten mit schwerer Nierenschädigung sterben im Krankenhaus. Wie groß das Problem ist, machen auch einige Zahlen deutlich. Allein in den USA werden jedes Jahr eine Million Patienten mit schwerer Nierenschädigung diagnostiziert. In Deutschland gibt es derzeit nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie allein rund 70 000 Dialysepatienten. Und die Zahlen steigen.
Derzeit wird einzig der Kreatininwert im Blut (Serum-Kreatinin) für die Diagnose eines akuten Nierenversagens herangezogen. Kreatinin ist ein Molekül, das normalerweise über die Niere ausgeschieden wird, sich jedoch bei eingeschränkter Nierenfunktion im Blut anhäuft. „Ein erhöhter Kreatininwert ist aber kein direktes Maß für die Nierenschädigung“ erläutert Prof. Schmidt-Ott. „So kann eine längerdauernde leichte Minderdurchblutung der Niere bereits zu einem deutlichen Anstieg des Serum-Kreatinins führen, ohne dass das Nierengewebe geschädigt ist. Diese Funktionsstörung der Niere ist meist gut zu behandeln. Die Patienten erhalten eine Elektrolytlösung oder müssen die Medikamente, die die Niere schädigen, absetzen.
Dagegen hat eine Gewebeschädigung in der Niere eine deutlich schlechtere Prognose. Dennoch ist es nicht immer möglich in der Notaufnahme erhöhte Serum-Kreatinin-Werte zu messen, weil nach einer Nierenschädigung 24 bis 48 Stunden vergehen können, bis das Kreatinin sich im Blut anhäuft und damit die Risikopatienten nicht erkannt werden. Somit besteht ein dringender Bedarf an genaueren Markern der Gewebeschädigung in der Niere.
Seit einiger Zeit ist bekannt, dass eine geschädigte Niere eine Reihe von Proteinen bildet. In kleineren Studien mit wenigen Patienten war untersucht worden, ob diese Proteine als „Biomarker“ dienen können, um Hochrisikopatienten mit einer Gewebeschädigung der Niere zu identifizieren. In den vergangenen drei Jahren sind Prof. Thomas L. Nickolas und Prof. Jonathan Barasch von der Columbia Universität in New York City, sowie Prof. Schmidt-Ott und Prof. Friedrich C. Luft (beide ECRC), dieser Frage in einer großen Studie nachgegangen. Sie haben von fast 1 700 Patienten, die in die Notaufnahmen von Kliniken in Berlin und New York kamen, fünf dieser Proteine im Urin gemessen.
Dabei stellten sie fest, dass vor allem zwei Proteine, in der Fachsprache kurz NGAL und KIM-1 genannt, sich als hilfreich für eine frühzeitige Risikoeinschätzung erwiesen haben. Sind die NGAL-und KIM-1-Werte niedrig, so ist das Risiko des Patienten gering, im Laufe des Klinikaufenthaltes zu versterben oder eine Dialyse zu benötigen. Hohe Werte zeigen dagegen das Risiko einer akuten Nierenschädigung an. Kombiniert ein Arzt die Messwerte dieser Biomarker mit den Werten des Serum-Kreatinins, ist eine genauere Einschätzung des individuellen Risikos möglich, so Prof. Schmidt-Ott. Das könnte Klinikern in der Notaufnahme schnell helfen, eine adäquate Behandlungsstrategie für den Patienten zu entwickeln.
Noch aber ist nicht klar, ob alle Patienten, die in eine Notaufnahme kommen, auf diese Biomarkerproteine hin untersucht werden sollten oder ob die Messung nur bestimmten Patienten (zum Beispiel Diabetikern oder Bluthochdruckpatienten, die ein hohes Risiko für ein akutes Nierenversagen haben) vorbehalten sein soll. Ebenso ist noch unklar, ob eine Diagnose mit Hilfe dieser Biomarker tatsächlich den individuellen Behandlungserfolg beeinflusst. Dazu sind nach Aussage von Prof. Schmidt-Ott weitere Studien nötig.
Quelle:
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch in der Helmholtz-Gemeinschaft / 2012-01-10
Während in Deutschland über ein neues Transplantationsgesetz gestritten wird, machen es andere Länder vor: Mit 32 Organspenden pro eine Million Einwohner werden in Spanien doppelt soviele Transplantationen vorgenommen wie hierzulande.
MADRID (mame). In Spanien ist im November ein neuer Transplantationsrekord erzielt worden. Zwischen dem 23. und dem 25. November wurden in spanischen Krankenhäusern insgesamt 94 Transplantationen vorgenommen.
"Das ist ein historischer Rekord", erklärte Rafael Matesanz, Direktor der spanischen Transplantations-Organisation (ONT). Innerhalb von 72 Stunden wurden in 42 Hospitälern 53 Nieren, 23 Lebern, acht Lungen, sechs Herzen, drei Bauchspeicheldrüsen und ein Darm transplantiert. Dabei gab es eine kombinierte Herz-Lungen-Transplantation.
Die 94 Organe stammten von insgesamt 39 Spendern. Um die Organe rechtzeitig zu den jeweiligen, über das ganze Land verteilte Krankenhäusern bringen zu können, kamen neben acht zivilen auch zwei Militärflugzeuge zum Einsatz.
Spanien gilt weltweit als eines der führenden Länder bei Transplantationen. Anfang des Jahres hatte ein spanisches Ärzteteam in Valencia weltweit zum ersten Mal einem Patienten zwei Beine gleichzeitig transplantiert.
Am selben Hospital wurde vor knapp zwei Jahren auch die weltweit erste Transplantation eines kompletten Gesichts vorgenommen und 2006 einer Frau zwei Hände verpflanzt.
Seit Jahren verzeichnet Spanien immer wieder die weltweit höchste Zahl an Organspenden. Der Organspendenrekord wurde dabei 2005 mit 35,1 Spendern pro Million Einwohnern registriert.
Derzeit kommen in Spanien rund 32 Organspenden auf eine Million Einwohner. In Deutschland waren es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation im vergangenen Jahr 15,9.
"Obwohl die Zahl der Verkehrstoten seit zwei Jahren kontinuierlich zurückgeht, rechnen wir zum Ende des Jahres mit einem Anstieg der Transplantationen von rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr", erklärte Matesanz.
In Spanien gilt bei der Organspende die Widerspruchsregel. Jeder kann also Organspender werden, außer er spricht sich ausdrücklich dagegen aus. In Deutschland gilt dagegen die Zustimmungsregelung.
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aus www.aeztezeitung.de vom 7.12.
Das neue Verteilungssystem für die Lungentransplantation, der Lungenallokations-Score, der ab 10. Dezember gelten soll, kommt einem Paradigmenwechsel bei der Organallokation gleich: Erstmals erhalten Erfolgsaussicht und Dringlichkeit bei jedem einzelnen Patienten einen numerischen Wert, und von diesem hängt der Rang auf der Warteliste ab.
Die Wartezeit spielt nur dann eine Rolle, wenn mehrere Kandidaten exakt denselben Punktwert haben, was selten sein wird. Auch der Dringlichkeitsstatus fällt weg.
Die Umstellung wird für Ärzte wie Patienten größer sein als derzeit spürbar. Denn die Berücksichtigung der Wartezeit, bei den meisten Organen noch immer ein Kriterium, wurde vor allem von Patienten als "gerecht" empfunden: Es belohnte fürs Warten. Man rückte vor, wenn auch langsam.
Das neue System hat zum Ziel, die knappe Ressource "Organ" mit dem größtmöglichen Nutzen zu verwenden. Möglicherweise gibt es dadurch Verschiebungen bei den Hauptdiagnosen, die Grund für die Lungentransplantation sind.
Unter dem neuen Denkmodell wäre dies medizinisch gerechtfertigt - und damit auch gerecht. Gut möglich, dass Verteilungsregeln für andere Organe wie Herzen künftig an diesem neuen Modell ausgerichtet werden.
Von Nicola Siegmund-Schultze, www.aerztezeitung.de
Die Strukturveränderungen bei der Organspende, die sich am Vorzeigeland Spanien orientieren, bringen in Deutschland bisher noch nicht den gewünschten Erfolg.
Von Nicola Siegmund-Schultze

Die Novellierung des Transplantationsgesetzes soll die Zahl der Organspenden erhöhen
© Frank May / dpa
REGENSBURG. In einem Punkt sind sich Politiker, Transplantationsmediziner und Patientenverbände einig: Die Organspenderaten in Deutschland müssen erhöht werden.
Welche Strategien geeignet sein könnten, die Spenderate zu verbessern, wird aktuell auch im Zusammenhang mit der geplanten Novellierung des Transplantationsgesetzes intensiv diskutiert. Solche Strategien waren auch Thema bei der Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Regensburg.
Ein Beispiel, wie andere Länder ihre Spenderaten gesteigert haben, gab Professor Peter J. Friend vom Transplantationscenter Oxford für Großbritannien. In Abstimmung mit der Regierung setzte sich der National Health Service Blood and Transplantation (NHSBT) 2006 ein konkretes Ziel: die Zahl verpflanzter Organe um 50 Prozent in fünf Jahren zu steigern.
Dies sollte erreicht werden durch konsequentes Monitoring von potentiellen Organspendern, eine angemessene Vergütung der Organspende für die Kliniken, ein verpflichtendes Training aller in den Spendeprozess involvierten Mitarbeiter und die Implementierung von Explantationsteams, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen. 14 Millionen britische Pfund kostete das Programm.
Nach Ansicht von Friend gut investiertes Geld. So habe sich die Zahl der postmortalen Organspender von 809 im Jahr 2007 auf 1010 im vergangenen Jahr steigern lassen, eine Erhöhung um gut 20 Absolutprozent. Mehr Multiorganentnahmen als früher brachten weitere Zuwächse an Transplantationen.
Allerdings beruhte die Zuwachsrate bei postmortalen Spenden auf der Organentnahme wenige Minuten nach Herzstillstand, auch als "Non-heart-beating donors" (NHBD) bezeichnet. Zugleich sank die Zahl der hirntoten Spender.
In Deutschland sind weder die Entnahme, noch die Allokation von NHBD-Organen erlaubt. Denn nach Meinung der Bundesärztekammer bestehen Zweifel, ob nach wenigen Minuten der Asystolie ohne Hirntoddiagnostik der irreversible Ausfall der gesamten Hirnfunktion sicher prognostiziert werden kann.
Trotz des Erfolgs in Großbritannien erreicht das Land damit gerade mal die Rate postmortaler Spender in Deutschland von 2010: etwa 16 pro eine Million Einwohner. Allerdings hat sich die Zahl der Lebendspender auf der Insel über die der postmortalen Spender hinaus entwickelt (n = 1041).
In Deutschland beträgt der Anteil der Lebendspenden an den Nierentransplantationen 24 Prozent.
"Prozessoptimierung ist wesentliche Voraussetzung für mehr Organspenden, aber es sind offenbar andere Faktoren ebenfalls sehr relevant, zumindest in Deutschland, und diese Faktoren müssen wir kontinuierlich mit Hilfe gut dokumentierter Daten analysieren", sagte Privatdozent Dietmar Mauer aus Homburg/Saar.
Er leitet beim Vorstand des Universitätsklinikums Homburg an der Saar das zentrale Projektmanagement und ist dort auch für die so genannte Inhouse-Koordination verantwortlich.
Im Jahr 2009 hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) an Unikliniken und Krankenhäusern mit neurochirurgischen Intensivstationen ein Programm zur Steigerung der postmortalen Organspende begonnen, in Anlehnung an das spanische Modell.
Über speziell geschulte ärztliche Klinikmitarbeiter, die Inhouse-Koordinatoren, wird die Arbeit der DSO mit den Tätigkeiten der Klinikärzte enger verzahnt, um potentielle Spender frühzeitig erkennen und Maßnahmen einleiten zu können. In den ersten drei Quartalen 2011 ist die Zahl postmortaler Spender im Vergleich zum Vorjahreszeitraum allerdings gesunken.
Auch am Uniklinikum des Saarlandes sei die Zahl rückläufig, sagt Mauer: Fünf Spender gab es bisher, im Vergleich zu 15 im Vorjahr, und dies trotz identischer Strukturen und Prozesse wie optimale Schulung der Mitarbeiter, regelmäßige Qualitätszirkel, Transplantationsbeauftragte aus den Reihen von Ärzten und Pflegepersonal für jede Intensivstation, gutem Monitoring von schwer Hirngeschädigten und akribisch geführter Sterbestatistik.
"In unserer Klinik wird die Inhouse-Koordination gut umgesetzt", sagt Mauer. Es seien aber im laufenden Jahr insgesamt weniger Patienten gestorben bei zugleich erhöhter komplexer Komorbidität und mehr medizinischen Kontraindikationen für die Organspende.
Zugleich sei die Ablehnungsrate durch Angehörige auf 70 Prozent gestiegen - trotz Schulung der Gesprächsführenden.
Ob sich die hohe Ablehnungsrate durch eine gesetzliche Regelung wie die Einführung der Widerspruchslösung senken lässt, ist jedoch ungewiss.
Spanien, in dem die Widerspruchslösung gilt und das mit 34 postmortalen Spendern pro Million Einwohner als Vorbild für gute Organspendeaktivitäten gilt, verweist immer wieder darauf, dass die Familie grundsätzlich gefragt und damit die erweiterte Zustimmungslösung praktiziert werde, wie sie auch in Deutschland gilt (BMJ 2010; 341: bmj.c4973).
Allerdings lehnen nur etwa 15 Prozent der Angehörigen in Spanien die postmortale Organspende ab, in Großbritannien sind es etwa 40 Prozent, in Deutschland vermutlich ähnlich viele.
In Spanien werden hohen Spenderraten - zur ganz überwiegenden Mehrzahl hirntote Spender, nur wenige NHBD - auf die hohe Zahl der Transplantations-Koordinatoren und eine gegenüber der Organspende positiv eingestellte Bevölkerung zurückgeführt: Der Anteil lebend gespendeter Organe an den Transplantationsraten ist mit 14 Prozent gering.
Allerdings: Die Inzidenz tödlicher Verkehrsunfälle liegt in Spanien der WHO zu Folgeum etwa 30 Prozent über der von Deutschland oder Großbritannien.
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